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#R2NSC Abbruch 2018

Wenn Ihr meinen Blog-Beitrag zur #R2NSC 2017 gelesen habt, werdet Ihr verstehen, warum es mich etwas Zeit gekostet hat, diesen Text über den Abbruch der Ruhr2NorthSeaChallenge nach 200 km in diesem Jahr zu schreiben. Manchmal läuft es eben unerwartet gut und dann gibt es da die Tage, an denen alles anders kommt, als gedacht. Doch erst Mal von vorn…

Alle Zeichen auf grün

Nach den Erfahrungen mit der #R2NSC 2017 ging ich beschwingt in die Vorbereitung, fuhr häufiger von der Arbeitsstelle in Essen heimwärts nach Recklinghausen und konzentrierte mich auf solides Ausdauertraining. Zwar hatte ich gut drei Wochen vor dem Startschuss leichte Probleme mit dem linken Knie, jedoch wurde aus der sich andeutenden Entzündung nichts schlimmeres. Ich nahm etwas Trainings-Intensität raus und gut. Zudem passten die Rahmenbedingungen: mit dem Ideengeber für die 2017er Teilnahme war alles für ein Zweier-Gespann vorbereitet, sogar ein Hotelzimmer in Start-Nähe hatten wir noch ergattert. Doch dann kam sie: die Wettervorhersage.

Nordwind

Zur Erinnerung: die Ruhr2NorthSeaChallenge führt die Teilnehmer über 300 km auf meist flacher Strecke von der Schauinsland-Reisen-Arena in Duisburg zum Fährhafen in Bensersiel.

35-40 km/h Nordwind und Böen bis 60 km/h: das Menü zur #R2NSC 2018. Zwar relativierte sich der ursprünglich angekündigte Regen zu einer dauerhaften Bewölkung ohne Niederschlag, jedoch stimmte mich die Windprognose nicht gerade optimistisch.

Nach einem gesprächsarmen Abend im Hotel und einer unruhigen Nacht rollten wir bei sommerfernen 8° C zur Startlinie. Durch die recht zähe Start-Prozedur zu Blöcken à 15-20 Fahrern fröstelten wir im hinteren Drittel des Starter-Feldes etwas vor uns hin. An der Startlinie angekommen wurde noch schnell ein Foto geschossen und wir starteten in Duisburgs dunkle Straßen.

Diese verschwommene Fotografie zeigt mich rechts im Bild. Ihr erkennt mich an der knallgelben Kopfbedeckung und dem sympathischen Gesichtsausdruck.
Foto: © R2NSC UG

Wieder dominierte auf den ersten Kilometern das Rasseln und Rauschen der Freiläufe. Ein schönes und reduziertes Bild auditiver Natur. Ab und zu mal ein Zuruf als Warnung vor Hindernissen, Schlaglöchern oder Ähnlichem, ansonsten Ruhe. Schön.

Es dauert zwar seine Zeit, bis das städtische Duisburg abgehängt werden kann, aber sobald die Gegend ländlicher und das Fahrerfeld merklich auseinander gezogen wird, beginnt die spannende Phase der Tour. Im Schutze der Häuserschluchten war der Wind noch nicht allzu stark wahrzunehmen, jedoch änderte sich das jetzt. Die zum Start noch lockere gerollten 30 km/h und mehr wurden unsanft durch Ziehen und Zerren des Winds an Fahrer und Fahrrad reduziert.

Pläne & Realitäten

Bei der 2017er Ausgabe der #R2NSC, meiner Erstteilnahme, hatte ich überraschend eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 26 km/h erreicht und damit die Zielrichtung für das Folgejahr gegeben. In der Zwischenzeit trainierte ich zur verlässlicheren Analyse mit einem Herzfrequenz-Gurt, sodass ich mir gut vornehmen konnte, welche HF (Herzfrequenz) ich auf Dauer nicht überschreiten sollte. Mein oberes Limit setzte ich mir bei 140 bpm Durchschnitts-HF. Dieser durchdachte Plan wurde nunmehr zunichte gemacht. Selbst bei Geschwindigkeiten um (nur) 25 km/h astete ich schon im gelben Bereich meiner HF (160 bpm und darüber). Kein gutes Anzeichen für ein Erreichen des Ziels an diesem Tag. Zwar fuhren wir in einem Tross aus gut 15 Radlern und dementsprechendem Windschatten, jedoch fiel mir das permanent konzentrierte Fahren aufgrund der niedrigen Abstände zum Vorder- und Hintermann schwer, weshalb ich lieber mehr im Wind, dafür aber kollisionsfrei, fahren konnte. Ziemlich anstrengend.

Zeit & Raum

Nach den ersten 50 km saß ich gefühlt schon den ganzen Tag auf dem Rad. Was sich 2017 noch wie zehn Minuten Fahrt angefühlt hatte, nagte jetzt schon ziemlich an den Kraftreserven. Wir stärkten uns mit drei Energie-Riegeln, die von den freundlichen Helferinnen und Helfern gereicht wurden, tranken etwas und düsten dann, nicht zuletzt ob der niedrigen Temperaturen, schnell weiter.

Wer mehr über die Organisation der #R2NSC, ihrer Historie und den Ablauf lesen möchte, dem empfehle ich die Lektüre meines letztjährigen Artikels.

Leider stiegen die Temperaturen nicht über die 12° C Marke. So gut wie niemand war kurz/kurz unterwegs. Auch ich stellte gewisse Nachteile meiner zwar winddichten, aber eben auch zeltigen, Gore-Tex-Hose fest. So anstrengend wie emotionslos ging es bis zur 100 km Pause weiter. Das Frühstücksbuffet in Epe war gnadenlos überfüllt, weshalb wir auf eigene Riegel und isotonische Drinks ausweichen mussten. Auf dem Marktplatz zog der Wind ordentlich durch. Alle Nase lang kippte irgendwo geräuschvoll ein zu teures Carbon-Rennrad um. Unschön.

Fehler & Folgen

Ab Kilometer 100 machte ich den Fehler, der letztlich zum Abbruch bei Kilometer 200 führte: ich hielt die bis dahin zu hohe Durchschnittsgeschwindigkeit weiter. Trotz massivem Gegenwind und einer deutlich zu hohen Herzfrequenz ballerten wir weiter gegen erstgenannten an. Wir wechselten uns zwar in einer anderen Gruppe in der Führungsarbeit ab, jedoch hätte mir da bereits klar sein sollen, dass ich weitere 200 km mit einer HF über 160 bpm nicht durchhalten konnte. Klar, im Nachhinein lässt sich das glasklar feststellen und analysieren, aber im “Renngeschehen” war der für adhoc-Analyse zuständige Bereich meines Hirns vermutlich mit anderen Dingen beschäftigt.

Jedenfalls wurde der Kampf mit dem Wind nun auch äußerlich sichtbar. Gerade das Dauerfeuer auf’s Gesicht schlug sich in Rötungen nieder. Letztere rührten natürlich auch von der übermäßigen Anstrengung her.

Dazu kam bei mir noch etwas Schamesröte, weil ich mich bei einem navigationsbedingten Halt prompt lang machte, weil ich zu spät aus dem Klickpedal heraus kam. Ein Anfängerfehler und damit umso peinlicher.

In kurzen, abgehackten Gesprächen mit meinem Spannmann trat ein neuer limitierender Faktor zu Tage: sein Knie. Was ich als potentielles Problem für die Tour bei mir verortete, traf ihn nun im unpassendsten Moment. Er ging zunehmend in den Wiegetritt und verbrannte dadurch zwar unnötig, aber schmerzbedingt, weitere wertvolle Kraftreserven. Das ganze Leid wurde dann in Georgsdorf bei Kilometer 150 sichtbar. Völlig platt machten wir uns auf dem malerischen Gelände der Georgsdorfer Mühle auf einer Wiese breit und erholten uns bei Cola, Chips und vor allem den selbstgemachten Buchweizen-Pancakes mit Apfelmus (holy hell, lecker!). Natürlich unterhielten wir uns über das weitere Vorgehen, Abbruch ja, Abbruch nein, hin und her. Im Prinzip waren wir uns darüber einig, dass wir uns bei Kilometer 200 von meinem Vater, der uns sowieso in Bensersiel eingesammelt hätte, abholen lassen wollten. Leider bekam das auch ein Mitumsitzender mit, der uns spontan mit Stories seiner Teilnahmen beim Ötztaler Radmarathon aufzumuntern versuchte (falls du das hier liest: no offense).

Wer von euch nicht weiß, was der Ötztaler Radmarathon ist, dem sei gesagt: das ist so ziemlich die krasseste Nummer, die man mit einem Rennrad bei einer organisierten Veranstaltung abreißen kann. Googelt mal und staunt!

Auf unfruchtbareren Boden hätten die Worte des Mitstreiters nicht fallen können. Die Entscheidung war durch, wir am Ende, die Muskulatur auf Regeneration eingestellt und fertig. Also blieben wir noch einen Moment sitzen und schwangen uns dann erst wieder lädiert auf die Räder.

Ein Bild des Schreckens: ich, erneut rechts im Bild in “Draw me like one of your french girls”-Pose, Chips und Cola.
Foto: © R2NSC UG

Reste

Wenn sich Ziele reduzieren, wird der Aufwand, diese zu erreichen, ebenfalls geringer. Es sei denn, ihr müsst statt 300 km nur 200 km fahren und seid schon ziemlich am Ende, dann ist das anders. Die letzten 50 km bis zur Mittagspause in Neudersum waren quälend langsam. Zwischendurch versuchten wir immer mal wieder zu telefonieren, was aufgrund des miserablen Empfangs in der Region ziemlich unmöglich war. Wir mussten ja schließlich unseren Transfer organisieren.

So hatten wir uns das irgendwie alles nicht vorgestellt und es herrschte dementsprechend eine Stimmung fernab der 10 auf der bekannten Skala. Ein Mix aus “Mist, wir schaffen es dieses Jahr nicht ins Ziel!” und “Mist, wir sind immer noch nicht am Ort der Abholung”. Apropos: die musste natürlich etwas abseits erfolgen, weil es uns peinlich war direkt vor der Mittagspausen-Location vor versammelter Mannschaft mit dem Auto abgeholt zu werden. Also suchten wir ein nahe gelegenes Autohaus aus und verabredeten uns dort.

Nachbereitung

Drinnen gab’s dann anstatt des alkoholfreien ein alkoholvolles Weizenbier und eine ordentliche Portion Nudeln. Das tat gut und machte etwas von dem verkorksten Tag wett.

Es war schon ein komisches Gefühl von lauter Menschen umgeben zu sein, die weiterfahren und die Tour vermutlich beenden würden. Auf der anderen Seite ergab sich hierdurch auch ein neuer Blickwinkel, eine eher außenstehende Sicht der Dinge. Unter’m Strich sind die Gesprächsfetzen, die wir aufschnappen konnten wirklich interessant, weil sie offenbarten, in welchem Stadium Radfahrer sich die Teilnehmer befanden. Die einen sprachen eher über Zeiten, Vorjahreswerte, Watt-Zahlen, die anderen grübelten, ob sie es schaffen oder wie die Taktik für die nächsten 50 km aussehen würde. Wirklich spannende Einblicke in die Gedankenwelt anderer Mitstreiter.

“Wir waren zu lange zu schnell unterwegs.”

Die haarscharfe Analyse im Auto auf dem Weg nach Hause.

Der Ärger über die missglückte Zieleinfahrt bei der diesjährigen R2NSC verflog dann allerdings doch recht zügig. Deutschland hatte an jenem Abend ein Spiel bei der WM und eine Woche später fand die alljährliche Flüsseradweg-Tour mit meinem Vater an. Gute Aussichten also.

Alle Augen auf 2019

Und was nehme ich nun mit? Richtig: 2019 alles anders und vor allem besser machen! Die 2019er Ausgabe der Ruhr2NorthSeaChallenge startet am 15. Juni um 04:30 Uhr (alle Infos hier). Bis dahin werde ich mich wieder konsistent vorbereiten, bei Zwift überwintern und im Frühjahr in die übliche Trainingsroutine übergehen. Möglichst viele #commute Fahrten von Essen nach Recklinghausen zu absolvieren ist nach wie vor mein Langzeit-Vorsatz. Doch hier, wie auch während der Challenge, gilt: nicht übertreiben! Das werde ich mir wohl irgendwo hin tätowieren lassen müssen…